Malta-Winter-Tagebuch

Schatzsuche, der Beginn 

Plötzlich stehe ich davor. Neongrüne Busse mit exotischen Zielangaben
im Display über dem Fahrer. Blauer Himmel und 27 Grad. Es ist November.
Ich werde in den Bus steigen der zuerst fährt – egal wohin.
Lange kann die Fahrt ja nicht dauern. Ich bin auf Malta. Die Reisedauer hierher
von fast 24 Stunden hat sich nicht in mein Befinden eingebrannt, ist praktisch vergessen.
Es zählt nur dass ich eben noch im schönen Franken in den Zug gestiegen bin
und jetzt an einen beliebigen Ort mit unaussprechlichem Namen fahren kann.
Für 1,50€ bei 27 Grad und blauem Himmel.

Im reifen Alter von 64 habe ich mir einen Wunsch erfüllt. Einmal ein Jahr ohne
Winter erleben. Ich hasse Winter. In meinem 800-Seelendorf im tiefsten Unterfranken
sind die Winter lang und meist kalt. Der Himmel ist monatelang dunkelgrau und es
ist nass und ungemütlich. Unternehmen kann man auf dem Land auch nichts spannendes.
Selbst die drei Cafes am Marktplatz der Kleinstadt sind unerwartet geschlossen. Kein
Treffpunkt zum Quatschen für das Landvolk im Winter in Sicht. Außerdem ist die Kleinstadt nur
drei Mal am Tag mit dem Bus erreichbar. Alles deprimierend und frustrierend wenn
man nicht gerade seine Hauptaufgabe im Holzmachen, Putzen oder hinter dem Herd findet.

Der wahre Grund für den kurzen Ausstieg ist allerdings mein tiefer Wunsch nach einem Reset
im Leben. Manche Altersgenossen nennen es Selbstfindung oder Ausstieg.
Für mich ist es Abstand von Briefkasten, Telefon und Türklingel – Freiheit.
Trotz meiner vielzähligen Hobbies und Interessen fehlt mir jetzt der Sinn meiner Tage.
Diesen Sinn möchte ich finden oder besser ausgedrückt einen Inhalt der Tage für den ich “brenne”.
Idee und Realisierung derselben, die mich so fesselt, dass ich aus meiner Untätigkeit,
mit Lust, Neugierde und Spannung gerissen werde.
Ist die Erwartung zu hoch?

Vielleicht verkrafte ich auch das Alleinsein nicht so gut und selbstverständlich wie ich es mir
einbilde. Die beiden Töchter stehen im eigenen Leben und meinen Mann hat der Bauchspeicheldrüsenkrebs vor zwei Jahren aus dem Spiel genommen. Sogar meine treue Katze hat der Krebs gewollt und mit ihr meinen letzten Begleiter durch die Tage, geholt.

Es treibt mich der Glaube an Inspiration durch die Reize der
unbekannten Architektur, durch die Begegnung mit britischen Touristen in kurzen Hosen und Badeschlappen, durch fremde Gerichte und durchgelegene Hotel-Matratzen.

Ich will wissen ob es meine Fantasie und Kreativität anregt wenn
ich in einer fremden Umgebung meine Habseligkeiten nicht sehe und nicht besitzen kann?
Denn ein Haus voller Gegenstände, Bücher, unnützer Konsumgüter, Mengen an Klamotten und Erinnerungen an 60 Jahre Leben, steht unerreichbar und verlassen im schönen Franken.

Genau diese Antworten und Ergüsse suche ich in meinem Malta-Winter.
Findet man so einen Schatz auf Inseln die mit einem Volk von Seeräubern und Höhlenbewohnern
bevölkert sind?
Wer nicht sucht der findet nicht.

Bei mir habe ich einen Koffer mit ein paar Klamotten, ohne Wintersachen, meine Tagebücher,
einen Laptop, Stifte und Farben.

#Kapitel 2

Rabat – Stadt der Katakomben

Der erste Bus fährt nach Rabat. Lange dauerte die Reise im Linienbus nicht. Ungefähr 20 Minuten schlängelte sich, das für die engen Straßen viel zu lange und zu breite Fahrzeug, den Hügel hinauf. Die Kurven sind teilweise so scharf, dass der Bus zurücksetzen muss um die steile Strasse zu erklimmen.

Während der Fahrt bei strahlend blauem Himmel fällt es mir wieder auf. Die Fensterläden und Türen der schönen Steinhäuser sind geschlossen. Scheinbar dringt kein Licht in die Häuser. Scheinbar sind die Dörfer und Städte unbewohnt – verbarrikatiert. Wieder werde ich neugierig auf die Einheimischen und deren Leben in dunklen Räumen. In diesem Winter auf den Inseln möchte ich unbedingt ein paar Einheimische kennen lernen und die Geheimnisse der wunderschönen Häuser mit elektrischer Beleuchtung, verstehen. Mal sehen, was die kommenden Monate ermöglichen.

Skizzenbuch Rabat

Urban Sketch Rabat

Die beiden Städtchen Mdina und Rabat liegen auf dem höchsten Berg der Insel Malta. Berg ist für bayrische Deutsche sicher übertrieben. Die Anhöhe ermöglicht einen Blick über das gesamte Inselchen, bis an die Küsten. Ein strategisch wichtiger Aussichtspunkt, wenn man Angriffe von fremden Mächten und Seeräubern erleben musste.

Der Hügel mit den beiden lebendigen Kleinstädten Rabat und Mdina war schon in der Antike besiedelt.

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die mit wohligem Schauer auf dem Rücken unterirdische Grabanlagen durchwandern. Im Gegenteil, gerade hatte ich die Sonne wieder gefunden und dieses Mal keine Lust diesen warmen, hellen Himmel gegen vermoderte Luft in dunklen Gängen einzutauschen.

Trotzdem empfehle ich den geschichtlich interessierten Mitmenschen einen Besuch in den beeindruckenden Gewölben der St. Pauls Grotte. Wegen der gut erhaltenen, zahlreichen Fresken sind die St. Agatha´s Catacomb´s noch interessanter.Die ältesten Fresken stammen aus dem 4. und 5. Jahrhundert.

Staub gegen Krankheit

Der Glaube an die Kraft des Paulus hat hier keine Grenzen. Davon berichten auch die Kratzspuren an den Wänden rund um die Paulus Skulptur in der St. Paul´s Grotte. Den hier von den Wänden gesammelten Gesteinsstaub streut man vor das Bett eines Schwerkranken. Der Heilung steht damit nichts mehr im Weg. Ich erinnere mich auf dem schattigen Platz vor der Kirche, im Zentrum von Rabat, an diesen Aberglauben. Wie kann man nur und unter welchen Umständen auf so eine Idee kommen?

Duft auf dem Kirchplatz

In die Grotte wollte ich nicht aber einem Kaffee auf dem sonnigen Platz vor der Kirche konnte ich nicht widerstehen. Es war Werktag, keine Touristensaison und deshalb saßen nur einheimische Männer herum. Ich sah Kartenspieler und Backgammon-Bretter. Die Frauen saßen wohl in den dunklen Häusern und verrichteten Hausarbeit. Der Duft der Köstlichkeiten aus Blätterteig mit Spinatfüllung spielte mir um die Nase. Eine Pastizzeria im Hauseingang zog die Fußgänger an. Die Teilchen sind für 80 Cent zu haben und die Sensation für den kleinen Hunger.

Der Duft, der Kaffee und der Blick auf den sonnigen Platz vor der beeindruckenden Kirche, machten den Tag schon jetzt genial. Auf Malta kann es aber immer nur noch besser werden.